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MiMü am 12.April 2013:

Nach langer Zeit mal wieder Böll gelesen

Heinrich Böll - Gesamtausgabe, Werke 3, Romane und Erzählungen 1954-1959Gestern Abend suchte ich noch etwas zum Lesen – zum Aufbleiben zu müde und zum Einschlafen zu munter brauche ich oft noch die sprichwörtlichen „drei Zeilen“, die mich dann endgültig in Morpheus´ Arme treiben. Auf dem Weg ins Bett vor den Büchern stehend fiel mein Blick auf die seit bestimmt 20 Jahren nicht mehr angerührte Heinrich Böll-Gesamtausgabe in zehn Bänden. Und sofort wusste ich auch, was ich noch lesen wollte: die satirische Kurzgeschichte „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen„. Veröffentlicht 1955 und verfilmt im Jahr 1963 mit Dieter Hildebrandt als Murke spielt diese Geschichte in einer deutschen Rundfunkanstalt. Dr. Murke, Mitarbeiter im Kulturressort, erhält vom Intendanten die Aufgabe, einen von der Kultur-Größe Bur-Malottke verfassten und eingesprochenen Beitrag zu bearbeiten. Bur-Malottke, bei Kriegsende eilig vom Nationalsozialisten zum Gottgläubigen konvertiert, distanziert sich nun wieder und verlangt, dass aus seinem Beitrag das Wort „Gott“ herausgeschnitten und durch die Wendung „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ ersetzt wird. Der Intendant mag Bur-Malottke die Sache nicht abschlagen:

Bur-Malottke widersprach man einfach nicht. Er hatte zahlreiche Bücher essayistisch-philosophisch-religiös-kulturgeschichtlichen Inhalts geschrieben, saß in der Redaktion von drei Zeitschriften und zwei Zeitungen und war Cheflektor des größten Verlages.

Nun ruft der Intendant Murke zu sich und drückt ihm diese undankbare Aufgabe aufs Auge:

Der Intendant mochte Murke nicht; er hatte ihn zwar sofort engagiert, als man es ihm vorschlug, er hatte ihn engagiert, so wie ein Zoodirektor, dessen Liebe eigentlich den Kaninchen und Rehen gehört, natürlich auch Raubtiere anschafft, weil eben in einen Zoo auch Raubtiere gehören – aber die Liebe des Intendanten gehörte eben doch den Kaninchen und Rehen, und Murke war für ihn eine intellektuelle Bestie.

Die „intellektuelle Bestie“ Murke rächt sich fürchterlich an Bur-Malottke. Jener erfährt im Studio, er habe wegen des Bedarfs verschiedener grammatikalischer Fälle das Folgende nachträglich einzusprechen:

„Wir haben“ – er lächelte liebenswürdig zu Bur-Malottke hin – „insgesamt nötig: zehn Nominative und fünf Akkusative, fünfzehnmal also: ‚jenes höhere Wesen, das wir verehren‘ – dann sieben Genitive, also ‚jenes höheren Wesens, das wir verehren‘ – fünf Dative: ‚jenem höheren Wesen, das wir verehren‘ – es bleibt noch ein Vokativ, die Stelle, wo Sie ‚o Gott‘ sagen. Ich erlaube mir, ihnen vorzuschlagen, dass wir es beim Vokativ belassen und Sie sprechen ‚O Du höheres Wesen, das wir verehren!“

So gerät der „große“ Bur-Malottke in eine recht erniedrigende Lage. Murke lässt ihn das Einsprechen ständig wiederholen und so in dieser eh schon peinlichen Situation für seine Arroganz und Scheinheiligkeit büßen.

YouTube: Ausschnitt aus der Verfilmung: Bur-Malottke spricht das „höhere Wesen“ neu ein

Murke selbst kompensiert die Frustration, der sich im Arbeitsalltag in der Rundfunkanstalt bei ihm aufstaut, durch das Anhören gesammelter und zusammengeklebter Tonbandschnipsel von Sprechpausen, dem „gesammelten Schweigen“.

Nach so viel Vergnügen beim Lesen dieser 24 Seiten umfassenden Kurzgeschichte habe ich mir fest vorgenommen, mal wieder häufiger den Böll zur Hand zu nehmen!