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MiMü am 26.Oktober 2015:

Segschneider #04

Diesmal politisch völlig unkorrekt: über künstlerische Freiräume im ehemaligen Ostblock

Ach, ich freu mich: kaum ist das neue Blog eröff­net, mel­det sich auch Seg­schnei­der zurück! Hier sei­ne aktu­el­len Betrach­tun­gen über Strei­cher-Quar­tet­te im “real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus”:

Peter I. Tschaikowski - Streichquartett F-dur op. 22 - Borodin-Quartett

Peter I. Tschai­kow­ski - Streich­quar­tett F-dur op. 22 - Boro­din-Quar­tett - Eter­na

Zwar ist es schon län­ger her, dass wir - der sieg­rei­che Wes­ten - den soge­nann­ten Sozia­lis­mus bezwun­gen haben. Weil wir so unge­heu­er erfolg­reich sind, wirt­schaft­lich vor allem. Der west­li­che Kapi­ta­lis­mus ringt alles nie­der; in der jüngs­ten, aber nicht letz­ten Kri­se hat er bei­na­he sich selbst nie­der­ge­run­gen. Ob er sich selbst über­win­den kann, ist noch offen.

Aber das darf man der­zeit wohl immer noch nicht, den ehe­ma­li­gen Ost­block als ein Para­dies schil­dern. Er war eines, und er ist immer noch ein para­die­si­scher Ort für Bal­lett­lieb­ha­ber, Musik­lieb­ha­ber im All­ge­mei­nen und Quar­tett­af­fi­cio­na­dos im Beson­de­ren. Es wird wohl etwas mit den Arbeits­be­din­gun­gen zu tun haben, die dort herrsch­ten. Am Mos­kau­er Zen­tra­lis­mus - das dor­ti­ge Kon­ser­va­to­ri­um hat­te unbe­streit­bar die Füh­rungs­rol­le - hat es eher nicht gele­gen. Denn die Fran­zo­sen, ein nicht min­der zen­tra­lis­ti­sches Völk­chen, haben die­se Fül­le atem­be­rau­bend guter Quar­tett­spie­ler bis­her nicht her­vor­ge­bracht.

Blei­ben die übri­gen Arbeits­be­din­gun­gen. Ich hal­te es für zutref­fend, dass Quar­tett­spiel nicht nur eine Lebens­auf­ga­be ist, son­dern dass ein Zusam­men­spiel umso bes­ser wer­den kann, je län­ger und bewuss­ter die vier Musi­kan­ten mit­ein­an­der umge­hen. Quar­tett erwächst aus gemein­sa­mem Leben. Es nützt gar nichts, vier Super­stars aus allen Kon­ti­nen­ten ein­zu­flie­gen und zu sagen: nun spielt mal schön. Das ist eher kon­tra­pro­duk­tiv und wird sehr leicht die Kari­ka­tur eines Quar­tetts.

Von Karl Kraus konn­ten wir erfah­ren, dass der gute Schrei­ber des Zen­sors bedarf: erst der Zen­sor wür­de ihn zwin­gen - so argu­men­tiert Karl Kraus - sein Bes­tes zu geben. Ich habe den Ver­dacht, dass es bei der Musik ähn­lich sein könn­te, obwohl ich nicht erklä­ren kann, wie das genau funk­tio­nie­ren soll­te. Dass im dama­li­gen Ost­block reich­lich Zen­sur war, kann kaum bestrit­ten wer­den. Je nach Gene­ral­se­kre­tär in Mos­kau muss zeit­wei­se ein klaus­tro­pho­bi­sches Gefühl des Ein­ge­sperrt­seins geherrscht haben. Es mag sein, dass die Flucht in die Musik sich gewis­ser­mas­sen auf­dräng­te.

Wie auch immer: dort hat­ten Quar­tett­spie­ler Zeit zu rei­fen. Kom­mer­zi­el­ler Druck - Kon­zert­agen­ten, die ver­die­nen - big busi­ness, das den Umsatz will - all die­se Urkräf­te des Wes­tens und die von ihnen her­vor­ge­ru­fe­nen Ver­wüs­tun­gen jun­ger, früh­zei­tig ver­schlis­se­ner Spie­ler fehl­ten. Man hat­te Zeit. Zeit, um Spiel­tech­nik, Ide­en und Men­schen sich ent­wi­ckeln zu las­sen.

Kul­tur spiel­te und spielt in Russ­land eine her­vor­ge­ho­be­ne Rol­le, die wir uns eher schlecht als recht vor­stel­len kön­nen. Obwohl eini­ge Jour­na­lis­ten uns das sogar in ARD und ZDF nahe­zu­brin­gen ver­sucht haben. Es ist nicht unge­wöhn­lich, dass ein Emp­fangs­kom­mit­tee inklu­si­ve Bür­ger­meis­ter sich auf dem Bahn­steig ein­fin­det, um einen bekann­ten Dich­ter zu begrüs­sen, der sei­ne Hei­mat­stadt besucht.

Die Inten­si­tät des Kul­tur­le­bens, die Akzep­tanz des Künst­le­ri­schen ver­bun­den mit staat­li­cher För­de­rung - all das zeig­te wohl Wir­kung. Jeden­falls ent­stand eine erstaun­li­che Zahl guter Quar­tet­te. An ihrer Spit­ze das Boro­din Quar­tett, eine Aus­nah­me­erschei­nung selbst inner­halb eines hoch­ge­steck­ten Rah­mens.

Für Quar­tett­lieb­ha­ber gibt es einen sehr ein­fa­chen Tip: völ­lig egal, ob da nun Boro­din, Tane­jew oder sonst­wie Quar­tett drauf­steht - ein­fach kau­fen, wenn man über eine Melo­dia oder Eter­na Auf­nah­me die­ser Ära stol­pert. Selbst wenn es eine ori­gi­nal Hun­ga­ro­ton Schei­be sein soll­te: kau­fen! Man kann da kaum etwas falsch machen. Künst­le­risch waren alle Ein­spie­lun­gen, die ich die­ser­art erstan­den habe, eine wun­der­vol­le Berei­che­rung. So, als ob sie befreit von west­li­chen Zwän­gen aus einer ande­ren Welt stamm­ten. Nur dass man das selbst­ver­ständ­lich auch heu­te noch nicht sagen darf, dass der ehe­ma­li­ge Ost­block ein Künst­ler­pa­ra­dies gewe­sen ist. Gewe­sen sein könn­te, wenn man die musi­ka­li­schen Ergeb­nis­se zum Maß­stab nimmt.

Öst­lich der Elbe beginnt eben nicht die asia­ti­sche Step­pe, wie Kon­rad Ade­nau­er ein­mal mein­te, son­dern dort blüht - oft­mals im Ver­bor­ge­nen - eine stau­nens­wer­te Kul­tur. Sicht­bar für den­je­ni­gen, der hin­schau­en mag.

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