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ladies corner - Claudia S. am 24.Juli 2017:

Musikophilie – Gabe oder Krankheit?

Oli­ver Sacks (1933 - 2015) war ein Neu­ro­lo­ge, der die Öffent­lich­keit wie auch eine bestimm­te Fach­welt so geprägt hat wie kaum einer. Berühmt wur­de er durch sei­ne Bücher über neu­ro­lo­gi­sche Pati­en­ten, so z.B. „Der Mann, der sei­ne Frau mit einem Hut ver­wech­sel­te“, die sehr ein­füh­lend und auch sehr selbst­iro­nisch geschrie­ben wur­den, ohne jemals die Mensch­lich­keit aus dem Blick zu ver­lie­ren  - was ihn schon von vie­len Kol­le­gen in sei­nem Berufs­zweig unter­schei­den dürf­te ;-)

Als er unheil­bar an Krebs erkrank­te, schrieb er einen zu Trä­nen rüh­ren­den öffent­li­chen Abschieds­brief, des­sen Weis­heit ehr­fürch­tig macht.

Was das alles mit HiFi zu tun hat? In einem sei­ner letz­ten Bücher beschäf­tig­te sich Sacks mit Musi­ko­phi­lie. Er zitier­te zunächst die Ver­wun­de­rung der „Over­lords“, hoch­ko­gni­ti­ver Ali­ens in Arthur C. Clar­kes Novel­le „Childhood’s End“:

Wie merk­wür­dig doch der Anblick einer gan­zen Spe­zi­es ist – Mil­li­ar­den von Men­schen, die mit bedeu­tungs­lo­sen Ton­mus­tern spie­len und ihnen lau­schen, die einen gro­ßen Teil ihrer Zeit mit etwas beschäf­tigt sind, was sie Musik nen­nen und dar­in völ­lig ver­sin­ken.”

Wem von uns Hifi-Afi­cio­na­dos ist das fremd? Das Ver­tie­fen in etwas, das kei­nen ratio­na­len Zugang bie­tet – außer der Ana­ly­se, wie gut ein Ton auf der einen Anla­ge klingt und auf der ande­ren eben nicht. Das ist fas­zi­nie­rend, obwohl gute Anla­gen sehr schnell ent­schei­den, wer “der Bes­se­re” ist. Aber macht das den ein­zi­gen Reiz aus?

Wohl eher nicht. Kann man jeman­dem, der nicht an Musik inter­es­siert ist, erklä­ren, was einen an der Musik inter­es­siert? Auch kaum vor­stell­bar. Oli­ver Sacks lie­fert uns die neu­ro­wis­sen­schaft­li­che Sei­te dazu. Unser Gehirn leis­tet auch da sei­nen Bei­trag. Kön­nen Sie sich vor­stel­len, dass Sie einen Unfall haben und danach ist Ihre Bezie­hung zu Musik eine ande­re? Nicht vor­stell­bar? Doch mög­lich ist es.

Hören Sie Oli­ver Sacks und einem sei­ner Pati­en­ten zu, einem toug­hen Ex-Foot­ball-Spie­ler, inzwi­schen aner­kann­ter ortho­pä­di­scher Chir­urg. Er macht einen Anruf von einer Tele­fon­zel­le – als genau dane­ben ein Blitz ein­schlägt. Nah­tod-Erleb­nis, Wie­der­be­le­bungs­maß­nah­men, ärzt­li­che Unter­su­chun­gen … er kommt knapp davon. Und glaubt, so wei­ter­le­ben zu kön­nen wie bis­her (ich war sel­ber mal für tot erklärt - ich ken­ne das Gefühl, das zu wol­len). Aber er merkt, es hat sich etwas ver­än­dert. Er bekommt den unwi­der­steh­li­chen Drang, Musik zu hören. Anstel­le von Rock-Musik - vor­her war er ein Musik-Muf­fel, aber Rock war das ein­zi­ge, was er akzep­tie­ren konn­te - giert es ihn auf ein­mal nach Klas­sik. Genau­er gesagt nach Vla­di­mir Ash­ken­azys Auf­nah­men von Cho­pin. Er kauft eine Plat­te nach der ande­ren. Bis das nicht mehr aus­reicht. Er bringt sich bei, selbst zu spie­len.

In Träu­men begin­nen ihm Melo­di­en zu begeg­nen, die er nie­der­schrei­ben muss. Er beschreibt dies nicht als Hal­lu­zi­na­tio­nen, so fühlt es sich nicht an, son­dern als Inspi­ra­tio­nen. Drei Mona­te nach sei­nem Nah­tod-Erleb­nis ist er beses­sen von sei­ner Musik. Er kommt zu dem Schluss: „Der ein­zi­ge Grund, war­um ich über­le­ben durf­te, war Musik.“

Jah­re spä­ter ist er wei­ter­hin erfolg­rei­cher Chir­urg, aber Herz und See­le kon­zen­trie­ren sich wei­ter­hin in jedem frei­en Moment auf Musik. Was will uns dies sagen? Nicht jeder von uns hat­te ein Nah­tod-Erleb­nis. Aber die­ses Bei­spiel zeigt uns, dass Musik zu den Bedürf­nis­sen unse­res Gehirns gehört – oder zumin­dest zu einem wer­den kann. Über einen län­ge­ren Zeit­raum schlei­chend, oder auch schick­sals­be­dingt auf ein­mal. Und wer ein­fach Feu­er gefan­gen und den Blitz­ein­schlag erlebt hat, wer wirk­lich Musik erlebt hat, den lässt sein Gehirn das nie­mals ver­ges­sen. Für das Gehirn ist es neu­ro­lo­gisch egal, ob der Impuls von einem Blitz­schlag oder einer Hifi-Anla­ge kommt! Bei­des löst elek­trisch getrig­ger­te, neu­ro­na­le Akti­vi­tät aus. Und bei­des kann zu einem Bedürf­nis füh­ren, das anschei­nend ein Grund­be­dürf­nis der Mensch­heit ist – Musik!

Clau­dia S.


Lite­ra­tur: Oli­ver Sacks: „Der ein­ar­mi­ge Pia­nist: Über Musik und das Gehirn“. Rowohlt.

Spie­gel-Inter­view mit Oli­ver Sacks vom 10.03.2008: “Schim­pan­sen tan­zen nicht”
Der New Yor­ker Neu­ro­lo­ge und Autor Oli­ver Sacks über Musik als Heil­mit­tel, akus­ti­sche Hal­lu­zi­na­tio­nen und die Gefahr all­ge­gen­wär­ti­ger Beschal­lung

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