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Segschneider am 17.Mai 2018:

300B und kein Ende

Eine ironiefreie Glosse von Segschneider

Über die Qua­li­tä­ten einer 300B, ob nun klang­li­cher oder tech­ni­scher Art, lässt sich treff­lich strei­ten. Oder viel­leicht doch nicht. Denn über wel­che Röh­re reden wir da eigent­lich? “Die” 300B gibt es längst nicht mehr, das Pro­duk­ti­ons­en­de bei Wes­tern Elec­tric war mit dem Ende der 80er Jah­re des vori­gen Jahr­hun­derts erreicht. Die weni­gen in jüngs­ter Zeit gehan­del­ten Exem­pla­re stie­gen preis­lich in inter­ga­lak­ti­sche Höhen. Und befin­den sich mitt­ler­wei­le in den Hän­den jener japa­ni­schen Her­ren aus den obe­ren Vor­stands­eta­gen, die sich einen sepa­ra­ten Hifi-Tem­pel, genannt Musik­zim­mer, abge­trennt vom Wohn­haus errich­tet haben. Wir reden von einem State­ment der sozia­len Art, das eben nicht jeder Audio­phi­le kann.

Für manch einen der heilige Gral: die originale 300B von Western Electric (Quelle: 2A3-Maniac)

Für manch einen der hei­li­ge Gral: die ori­gi­na­le 300B von Wes­tern Elec­tric (Quel­le: 2A3-Mani­ac)

Kom­men wir zu den ver­blie­be­nen 300Bs. Ihnen konn­te nichts Bes­se­res pas­sie­ren als das Able­ben des Ori­gi­nals. Sie kro­chen in so unglaub­li­cher Stück­zahl aus allen Win­keln, dass bereits ein Jahr­zehnt spä­ter Don Jenk­ins in “Glass Audio” 1998 ver­zwei­felt frag­te: “Will the real 300B plea­se stand up?” Die­se Auf­for­de­rung ver­hall­te unge­hört und unbe­ach­tet. Wer etwas auf sich hält am HiFi-Him­mel, der pro­du­ziert flugs eine 300B. Ganz so pin­ge­lig braucht er dabei nicht zu sein, die eine oder ande­re klei­ne, ganz klit­ze­klei­ne Abwei­chung darf es schon sein. Es genügt völ­lig - und för­dert den guten Ruf -, wenn man im Klein­ge­druck­ten auf die Abwei­chung hin­weist. Damit hef­tet man sich zugleich den Nim­bus des fai­ren Auf­klä­rers ans Revers. Aus­se­hen darf die­se Röh­re eben­falls ganz anders als die alte Ori­gi­na­le, ein rie­si­ges zylin­dri­sches Glas­ge­häu­se stört nicht. Man soll­te aber kei­nes­wegs ver­ab­säu­men, die fabel­haf­te Pro­duk­ti­ons­qua­li­tät zu beto­nen, inclu­si­ve der tau­send klei­nen Ver­bes­se­run­gen.

Und, ganz wich­tig, der Preis muss stim­men! Und wie! Denn wenn der Audio­phi­le preis­lich nicht mal merkt, dass er etwas Beson­de­res ersteht, dann nützt die gan­ze Ver­mark­tungs­stra­te­gie nix. Ken­ner haben es schon öfter publi­ziert, als ich es zäh­len kann: eine 300B lässt sich auf dem Küchen­tisch zusam­men­frit­zeln. Von geschick­ten Frau­en­hän­den selbst­ver­ständ­lich, das war schon immer so und soll­te auch so blei­ben - es ist ja schließ­lich ein Kos­ten­fak­tor. Und so ergibt sich die Fir­men­struk­tur einer heu­ti­gen Röh­ren­fir­ma wie von selbst. Auf die pro­du­zie­ren­den Damen kommt ein Mehr­fa­ches an Her­ren, die die wirk­lich wich­ti­gen Auf­ga­ben - nein, das ist kei­ne Iro­nie, das ist echt eine Beschrei­bung der Wirk­lich­keit - über­neh­men. Und das sind vie­le. Ent­wurf einer tadel­lo­sen Ver­pa­ckung, damit geht es los. Wenn ich mir die simp­len Schach­teln aus robus­ter Pap­pe eini­ger mei­ner Lieb­lings­röh­ren, fuff­zig Jah­re alt mitt­ler­wei­le and still going strong, die Aus­füh­rung fürs Mili­tär, so betrach­te, dann begrei­fe auch ich: so geht’s nun nim­mer. Ein Ver­pa­ckungs­kon­zept muss her! Design! Der preis­li­che Anspruch soli­de unter­mau­ert! Direkt­ver­mark­tung, ein leben­di­ger Kon­takt zum Audio­phi­len, Lie­be zur Musik, edels­te und sel­tens­te Schall­plat­ten, immer eine Gitar­re im Aus­stel­lungs­raum - wenigs­tens. Auf inti­me­ren Ver­an­stal­tun­gen soll­te ein Gläs­chen Rot­wein und/oder Whis­key schon mal zur Hand sein. Und so wei­ter.

Der Fir­men­chef hat kei­nes­wegs das Brett vorm Kopf, das die Nei­der dort ver­mu­ten. Viel­mehr wur­de die­ses und vie­le ande­re Bret­ter benö­tigt, um spe­zi­el­le Trans­port­kis­ten für das Ver­sen­den der Aus­stel­lungs­stü­cke - was heißt hier Stü­cke, es sind ein­fach wun­der­schö­ne Arte­fak­te, die aus­ge­stellt wer­den - in pas­sen­der Grös­se zu bau­en. Fir­men­na­men auf den Kis­ten nicht ver­ges­sen! Ist wich­tig! Denn der Chef unse­rer ima­gi­nier­ten Fir­ma düst um die Welt, dass die Hacken qual­men: Tokyo, Los Ange­les, New York, und bit­te­schön recht­zei­tig zur High End in Mün­chen in Deutsch­land sein. Aber dafür hat er ja einen Mit­ar­bei­ter, der ihn dar­an erin­nert. Auf jeder nam­haf­ten Audio­mes­se ver­tre­ten zu sein, das ist nun mal der Anspruch, wenn das Pro­dukt 300B heißt. Von nix kommt nix, und der Audio­phi­le ist ein scheu­es Wild, das will zur rich­ti­gen Zeit und am rich­ti­gen Ort gejagt sein! Noch wich­ti­ger eigent­lich sind die inof­fi­zi­el­len Mee­tings, auf denen die ton­an­ge­ben­den Audio­phi­len auf­kreu­zen, denn da ist der zukünf­ti­ge Käu­fer zuhau­se, zur Zeit noch harm­lo­ser Audio­phi­ler. ETF zum Bei­spiel, da muss man sein, und Auf­se­hen erre­gen. Nur so gehts!

Legendärer Verstärker von Western Electric aus dem Jahr 1930: der WE91A mit der 300B als Endtriode

Legen­dä­rer Ver­stär­ker von Wes­tern Elec­tric aus dem Jahr 1930: der WE91A mit der 300B als End­tri­ode

Im Grun­de genom­men ist es recht ein­fach, sofern man nicht die Tat­sa­chen ver­wech­selt. 300B, das ist kei­ne Röh­re, das ist ein Geschäfts­mo­dell. Und ein Geschäfts­mo­dell kann erst dann ster­ben, wenn über­haupt kein Geld mehr damit ver­dient wird. Das ist noch lan­ge hin, denn dar­um küm­mern sich ja die vie­len Her­ren, die mit den wich­ti­gen Auf­ga­ben - sie­he oben. Pro­duk­ti­on, das läuft so am Ran­de mit. Und ist in der Aus­lie­fe­rung schon mal im Rück­stand. Dann bit­te nicht ver­ges­sen: “Der gros­se Zuspruch, den die Audio­phi­len unse­ren Pro­duk­ten zu Teil wer­den lie­ßen, führ­te zu Rück­stän­den, die wir nun­mehr beschleu­nigt …”. Es kann ja nicht immer Mes­se sein.

PS.

Man kann immer noch Mili­tär­röh­ren aus alter Pro­duk­ti­on kau­fen, die in den schlich­ten, sta­bi­len Papp­schach­teln. Oder hab’ ich da was ver­wech­selt und bin schon bei den Fake­news gelan­det?

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