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Über den Audionisten

Mein Weg als Hörer und Bastler

Diesen Text habe ich im Jahr 2004 für das Portal www.radiomuseum.org geschrieben. Ich habe ihn nun leicht modifiziert und ergänzt:

meine Mutter 1966, im Hintergrund unser Radio

meine Mutter 1966, im Hintergrund unser Radio

Eine Kindheitserinnerung aus den frühen 60er Jahren: meine Mutter hörte nebenbei den ganzen Tag Radio, meist lief der britische Armeesender BFBS – damit zog die englischsprachige Schlagerkultur bei uns ein. Jeder ist halt das Kind seiner Zeit, und vor dem Röhrenradio auf den Knien auf dem Teppich herumrutschend – dessen Muster eigneten sich hervorragend als Straßen für meine Spielzeugautos – sog ich das so nebenbei mit ein: wenn ich heute Dinah Washingtons “September in the Rain” höre, läuft mir ein wohliger Schauer über den Rücken. Viele werden sich noch an das Duett von Peter Sellers und Sophia Loren “Goodness Gracious Me” erinnern, in dem eine Patientin ihrem Arzt, in den sie verliebt ist, von ihrem abnormen Herzklopfen berichtet “…it goes boom boodie boom boodie boom…” – das alles aus einem Schaub-Lorenz Radio, es könnte das Modell Westminster 59 gewesen sein.

mein Onkel Willi, DL3XH, an seiner Amateurfunk-Station (1980)

mein Onkel Willi, DL3XH, an seiner Amateurfunk-Station (1980)

Meine ersten Erinnerungen, die mit der Radiotechnik zu tun haben, stammen aus der Mitte der 60er Jahre und sind mit Besuchen bei meinem Onkel (Amateurfunk- Rufzeichen DL3XH) verbunden, aus dessen Funkbude ich schon als Knirps nur schwer herauszuschlagen war. Wenn ich heute mit der Nase in die Nähe der Rückwand eines laufenden Röhrenradios komme und vielleicht noch die Augen zumache, fühle ich mich sofort dorthin zurückversetzt. Der Onkel war ein großartiger Bastler, und irgendwann lötete er mir aus einem alten Drehkondensator, einer schnell gewickelten Spule auf einem Tablettenröhrchen und einer Germaniumdiode meinen ersten Detektorempfänger zusammen. Ich bekam noch einen alten Bügelkopfhörer (2×2000 Ohm) und viele Meter Kupferlackdraht als Antenne mit auf den Weg. Ein paar Tage ging alles gut, bis dann – es war ein fliegender Aufbau – an der Diode ein Draht abbrach, da war dann die Herrlichkeit vorbei. Das war schon ein ziemlicher Tiefschlag, denn Mitte der 60er Jahre war es für einen achtjährigen Steppke nicht so ganz einfach, Kontakt zum entfernt wohnenden Onkel aufzunehmen. Immerhin war ich nun endgültig infiziert, und es kann dann nicht mehr lange gedauert haben, bis ich meinen Eltern meinen ersten RADIOMANN abgebettelt hatte.

Zeitweise hatte ich mit Röhren zu tun, als ich als Techniker unserer Schulrockband etliche Male die Röhrenverstärker von Marshall oder Orange wieder zusammengeflickt habe. Den Röhren-Einkreiser aus dem Buch “Radiobasteln für Jungen” von Heinz Richter habe ich in der Zeit auch mal aufgebaut. Die Ära der Röhrenradios war aber Mitte der 70er eigentlich schon vorbei, und interessiert haben mich die Dinger damals noch gar nicht.

1986 dann, als Familienvater, habe ich meine Amateurfunk-Lizenzprüfung abgelegt (DG4BAI, später DH1BAT) und mich schnell auf den Selbstbau meiner Gerätschaften (Amateurfernsehen bis 13 cm) konzentriert. Auch da wieder Röhrenkontakt: die Scheibentriode 2C39BA in selbstgebauten Sende-Endstufen für 2m und 70 und 23cm. Noch keine Spur von Interesse für Röhrenradios. 1991 gab ich die Funkerei auf, da mir nach einem Umzug die Antennengenehmigung des neuen Vermieters fehlte.

Und so bin ich ca. 2002 auf die alten Radios gekommen: ich wünschte mir ein Radio für meine kleine Freizeit-Werkstatt im Schuppen. Da habe ich erstmals über ein Röhrenradio nachgedacht, bei ebay nachgeschaut und war völlig baff über das Riesenangebot an Geräten. Das erste ersteigerte Radio war ein Telefunken Jubilate 7, und witzigerweise stellte sich heraus, dass der Anbieter nur 20 km von hier wohnte, da habe ich das Teil gleich persönlich abgeholt. Ich kam gegen 20 Uhr mit dem Radio zuhause an, setzte es sofort in Betrieb und geriet zufällig in eine Radiosendung auf WDR4, die ich seitdem regelmäßig höre, die “Schellack-Schätzchen”, und anschließend auf dem gleichen Sender um 21:05 Uhr “Go Götz Go”, eine von Götz Alsmann moderierte Sendung mit easy-listening-music der 50er, 60er Jahre (inzwischen haben die beiden Sendungen den Sendeplatz getauscht). Beides Programme, bei denen mein neues altes Radio seine Qualitäten voll ausgespielt hat. Ja, und da habe ich wohl mein Herz verloren an die alten Kästen…

Nun – ein paar Jahre später – stehen die Geräte im ganzen Haus verteilt. Es waren mal an die 40 Stück, einige habe ich wieder weggegeben, die Zahl hat sich auf um 20 eingependelt. Wenn ein neues dazukommt, muss ein anderes dafür weg – sonst fressen einen die Dinger auf. Schön finde ich, dass man so einen Patienten in einer überschaubaren Anzahl von Hobbyabenden kurieren kann, und er dankt es einem mit einer ganz eigenen Art von Wärme und Behaglichkeit, die er ins Wohnumfeld einbringt.

Nachtrag, ein paar Jährchen später (Juli 2011):

Aus der Faszination, die von den alten Empfangsgeräten ausging, entstand zunächst das Interesse an der Musik aus der Röhrenradio-Ära und parallel dazu der Wunsch, Musik zukünftig ausschließlich über Röhrengeräte zu hören. Der Bestand an Röhrenradios hat daher inzwischen nochmals ein wenig abgenommen, da Platz geschaffen werden musste für meine Eigenbau-Verstärker. Bald fiel dann auch die Entscheidung, wieder eine rein analoge Hörkette aufzubauen. Also musste ein Plattenspieler beschafft und wieder in einen gebrauchsfähigen Zustand versetzt werden. Mittlerweile kann man mich recht häufig auf Flohmärkten treffen – dort erbeute ich meinen Nachschub an Vinyl-Schallplatten mit Musik nicht nur aus der Dampfradio-Epoche.

Nach wie vor bin ich ein begeisterter Radiohörer. Ich meide die Dudelfunksender, also die mit dem “…besten Mix der 70er, 80er und 90er Jahre und dem Besten von heute…”, deren Programm nur noch aus überlauten verjingleten Absichtserklärungen besteht. Unter Qualitätsradio verstehe ich ein redaktionell aufbereitetes Programm mit einem guten Nachrichtenteil, fundierter politisch-gesellschaftlicher und kultureller Berichterstattung sowie Musiksendungen, die von musik-sachkundigen Redakteuren/innen gestaltet werden. So etwas kann man durchaus finden. Für meine Region (Nordwesten) empfehle ich die Sender WDR5, Nordwestradio, NDR Kultur und darüber hinaus Deutschlandradio Kultur sowie Deutschlandfunk. Aufgemerkt: das sind samt und sonders öffentlich-rechtliche Sender! Es sei aber auch nicht verschwiegen, dass es gerade hier oben im Norden einen öffentlich-rechtlichen Radiosender gibt, der nach meinem Empfinden die kommerziell ausgerichteten Privaten in Sachen Qualität noch zu unterbieten imstande ist… Davon halte ich Abstand.

Trauriger Nachtrag im Februar 2012:

Der Sender WDR4 hat die weiter oben erwähnte Sendung „Schellack-Schätzchen“ Ende Januar eingestellt und sogar alle Archivseiten zu dieser Sendung aus der Homepage getilgt. Ich verlinke auf das Blog von Gudrun Eussner. Die hat sich schon im vergangenen November ihre zutreffenden Gedanken dazu gemacht.

Aktualisierung im Herbst 2015:

Nachdem der vorstehende Text mehrere Jahre lang Bestandteil meines Weblogs „Radionist“ war, übernehme ich ihn nun für das Folgeprojekt, das Hör-Tagebuch „der Audionist“.