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Kom­men­ta­re schal­te ich frei, nach­dem ich sie mir ange­se­hen habe. Dabei kann es zu klei­nen Ver­zö­ge­run­gen kom­men.

Wegen ver­stärk­ten Auf­kom­mens von Kom­men­tar-Spam habe ich ein Plug­in instal­liert, das sol­che Stö­run­gen unter­bin­den soll. Soll­te ein berech­tig­ter Kom­men­tar nicht eini­ger­ma­ßen zeit­nah von mir frei­ge­schal­tet wer­den, ist er viel­leicht dem Plug­in zum Opfer gefal­len. In die­sem Fall bit­te per Email nach­ha­ken!

MiMü am 12.April 2013:

Segschneider rezensiert #03: Enrico Caruso - O sole mio

Und wie­der erreicht mich ein ein­drucks­vol­ler Text unse­res Freun­des Seg­schnei­der:

Fast ein Jahrhundert

Enrico Caruso, Quelle: Wikimedia Commons, public domain

Quel­le: Wiki­me­dia Com­mons, public domain

1920 ist er abge­tre­ten, mit­ten aus dem vol­len Leben her­aus, er hus­te­te Blut auf offe­ner Büh­ne - und ich stel­le mir vor, dass die Lun­ge dem Druck der gewal­ti­gen Töne, die er wie kaum ein Zwei­ter gesun­gen hat­te, ein­fach nicht mehr stand­hielt. Sei­ne ers­ten Ton­auf­zeich­nun­gen began­nen in einer Ära, in der die Edi­son-Wachs­wal­ze das Maß der Din­ge war. Mit dem neu­en Jahr- hun­dert star­te­te dann der Sie­ges­zug der Schall­plat­te, der - wie man sagt - von ihm und sei­ner San­ges­kunst maß­geb­lich vor­an­ge­trie­ben wur­de; Schall­plat­ten von ihm waren sehr begehrt.

Eini­ge Auf­zeich­nun­gen sei­ner Stim­me sind erhal­ten. Kann man sie sich noch antun, oder ist das spe­zi­ell auf einer emp­find­li­chen Anla­ge unmög­lich, weil nur noch Schmerz in den Ohren?

Selbst­ver­ständ­lich setzt die man­gel­haf­te Tech­nik Gren­zen. Von HiFi ist nicht die Rede. Heu­te noch über­lie­fer­te Ton­do­ku­men­te - gleich­gül­tig ob auf LP oder CD - sind zumeist von Schel­lack­plat­ten der drei­ßi­ger Jah­re über­spielt. Ich habe übri­gens ein­mal eine Kopie der ers­ten Ton­auf­zeich­nung gehört, abge­spielt von einem Demo­ton­band des WDR. Denn, das ist viel­leicht eine Über­ra­schung für Heu­ti­ge: bereits Tho­mas Alva Edi­sons Ver­fah­ren erlaub­te die Ver­viel­fäl­ti­gung; sowohl die Wachs­wal­zen als auch der Abspiel­ap­pa­rat lies­sen sich dupli­zie­ren. Und, von eini­gem Rau­schen und Knis­tern ein­mal abge­se­hen, der legen­dä­re Text “Mary had a litt­le lamb” ist ohne wei­te­res zu ver­ste­hen. Schel­lack­plat­ten zu über­spie­len erfor­dert Fin­ger­spit­zen­ge­fühl und Kön­nen. Je nach­dem ob Innen-, Mit­ten- oder Aus­sen­ril­le muss mit unter­schied­lich dicken Saphir­na­deln abge­spielt wer­den, die so erhal­te­nen Schnip­sel wer­den dann ent­rauscht, ent­zerrt, zusam­men­ge­fügt. Es ist unver­meid­bar, dass man die Schnitt­stel­len bemerkt. Und das ver­blie­be­ne Rau­schen und Pras­seln eben­so.

Aber den­noch. Nach den ein­lei­ten­den Orches­t­er­klän­gen macht der Sän­ger sei­nen Mund auf und singt auf schwin­del­erre­gen­de Wei­se. Er ist gewohnt, ein sehr gros­ses Opern­haus - sei­ne Hei­mat­büh­ne war die (alte!) MET in New York - ohne jede elek­tri­sche Ver­stär­kung zu fül­len. Dazu braucht es eine sie­ben-Liter-Lun­ge, das ist soviel wie bei einem Extrem-Aus­dau­er­sport­ler, einem Iron­man zum Bei­spiel, einen Brust­korb wie eine Ton­ne, um hin­ter jeden Ton den ent­spre­chen­den Reso­nanz­bo­den set­zen zu kön­nen, und die not­wen­di­ge San­ges­tech­nik. Beim Ein­at­men stür­zen, mit einem Geräusch wie bei einem Ertrin­ken­den, meh­re­re Liter Luft in die Lun­ge, von Atmung zu spre­chen ist eigent­lich eine gro­tes­ke Unter­trei­bung. Es hat etwas von bra­chia­ler Gewalt, einer extrem gebän­dig­ten Gewalt zwar, aber ver­gli­chen mit heu­ti­gen Stimm­chen setzt ein Rie­sen­raub­tier zum Sprun­ge an: fas­zi­nie­rend, bedroh­lich, unglaub­lich. Vibra­to kommt so gut wie gar nicht vor, das hat die­ser Sän­ger nicht nötig. Es sind Orgel­tö­ne, die erklin­gen, hin­ter jedem Ton steht ein rie­si­ges Luft­re­ser­voir.

Caruso in der Rolle des Camio in "Bajazzo", gezeichnet von Caruso selbst

Enri­co Caru­so: Selbst­por­trät als Cami­no in “Bajaz­zo” (public domain)

Und dann: For­tis­si­mo. Unwill­kür­lich hält man sel­ber den Atem an. Die Töne sind von einer unglaub­li­chen Wucht, nicht geschmet­tert, nicht geschrie­en, son­dern ein­fach nur groß und majes­tä­tisch. Trot­zund­al­le­dem sind die­se mei­ne Beob­ach­tun­gen eine Bar­ba­rei dem Künst­ler gegen­über. Denn er trägt gera­de ein ein­fa­ches Lied vor, das er welt­be­rühmt gemacht hat, und in jedem Ton, jeder Phra­sie­rung ist die Lie­be zu sei­ner Hei­mat zu spü­ren. Er kos­tet dies Lied­chen aus, als sei es eine der gros­sen Ari­en, er agiert mit Hin­ga­be, Lei­den­schaft, einer Lei­den­schaft, die sein gan­zes Leben bestimmt hat, und mit tie­fem künst­le­ri­schem Emp­fin­den. Ich habe “O sole mio” nie wie­der von einem Ande­ren hören kön­nen, nach­dem Enri­co Caru­so es ein­mal gesun­gen hat­te. Mam­ma mia.

- seg -

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