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MiMü am 22.November 2015:

Das perlt!

Glenn Gould

Glenn Gould © by Don Hunstein / Glenn Gould Foundation , via Wikimedia Commons

Genialisch-schrullige Menschen mag ich wirklich sehr. Das trifft auch auf den kanadischen Pianisten Glenn Gould (1932-1982) zu. Der ist besonders bekannt für seine Interpretationen der Werke Johann Sebastian Bachs. In meinem Plattenregal gibt es einige dieser Aufnahmen: die Goldberg-Variationen natürlich, aber auch die zwei- und dreistimmigen Inventionen, die Kunst der Fuge, das Italienische Konzert.

Beinahe ständig hört man Gould leise mitsummen – na ja, Keith Jarrett hat diese Angewohnheit auch, dem habe ich diese Schrulle aber längst verziehen und deshalb will ich auch mit Glenn Gould nicht allzu hart ins Gericht gehen.

Glenn Gould - Die zwei- und dreistimmigen Inventionen

Hin und wieder allerdings mache ich die Erfahrung, dass ich eine Gould-Aufnahme auflege und nach einigen Minuten wieder vom Plattenteller nehmen muss, weil ich plötzlich nervös und kribbelig werde – zuletzt beim Hören der Inventionen und Sinfonien Nr. 1-15. Ich habe lange überlegt, woher das kommt, aber ich finde keine Erklärung. Ähnlich nervöse Anwandlungen kriege ich beim gelegentlichen Versuch, Technomusik zu hören. Nicht, dass ich missverstanden werde: mir liegt es fern, Goulds Musik mit nerviger elektronischer Tanzmucke zu vergleichen. Mich fasziniert Goulds Bach-Interpretation sehr, aber meine Reaktion darauf ist wohl stimmungs- und tagesformabhängig – manchen Tags erscheint mir Goulds Bach eckig und kantig, mit allzu scharfen Konturen und das kann ich schlecht ertragen.


Wenn ich sicher gehen will, dass das nicht passiert, greife ich zu Bach-Aufnahmen von Friedrich Gulda (1930-2000). Auch der gehörte wohl zum Typus des schrulligen Genies. Als klassischer Pianist hoch gefeiert, spielte er bei Konzerten schon mal ganz andere Stücke als angekündigt, trat gar nackt mit Blockflöte auf. Er veröffentlichte „moderne Wiener Lieder“, zu denen er unter Pseudonym auch sang und wurde nicht zuletzt als Jazzmusiker bekannt.

Höre ich seine Aufnahme des wohltemperierten Klaviers von Bach, trägt mich die Musik mit sich. Ich schließe die Augen und im Kopf entstehen pulsierende, farbige Bilder geometrischer Figuren und Strukturen. Ist das schon Synästhesie? Dittsche würde wohl sagen „… das perlt!“ Damit hätte er wohl Recht, der neunmalkluge Bademantelträger. Ich drücke es anders aus: Friedrich Guldas Bach swingt!

Chick Corea & Friedrich Gulda - the meeting (LP 1983)Seitdem nun endlich auch Guldas legendäre Jazzplatte As You Like It im Hause ist und sich einigermaßen regelmäßig im CD-Spieler dreht, weiß ich, wie bei Gulda der Swing in den Bach kommt! Geahnt hatte ich das längst: seit 1983 begleitet mich die Live-Aufnahme the meeting, die Gulda gemeinsam mit Chick Corea beim Münchner Klaviersommer 1982 eingespielt hat – damals eilig gekauft, nachdem ich das Konzert im Fernsehen erlebt hatte. Jazz-Improvisation an zwei Klavieren, absolut hörenswert!

Friedrich Gulda - As You Like It (LP 1970)Doch zurück zu As You Like It. Schon das Label MPS (Musik Produktion Schwarzwald) des SABA-Erben Hans Georg Brunner-Schwer bürgt hier für hohe Produktions-Qualität – nicht umsonst wird diese Platte von audiophilen Hörern sehr geschätzt. Es geht die Mär, Brunner-Schwer habe seine Aufnahmen quasi im eigenen Wohnzimmer gemacht. In meinem Wohnzimmer jedenfalls macht sich Guldas Trio mit Johann Anton Rettenbacher (b) und Klaus Weiss (dr) ausgesprochen gut – die Schallereignisse sind in Richtung und Tiefe genauestens zu lokalisieren. Wie diese Aufnahme das kraftvoll-dynamische Spiel Guldas auf dem Piano einfängt, ist einfach atemberaubend!

Die Titelauswahl: keine Experimente, bis auf einen Titel Jazzstandards, folgerichtig heißt die Platte As You Like It – Was Ihr wollt. Das Album beginnt mit der Oscar Peterson-Komposition Blues for H.G., dem Produzenten H.G. Brunner-Schwer gewidmet. Locker-flockig (um mal diese gern verwendete Vokabel zu benutzen) swingt sich das gut aufeinander eingespielte Trio durch Klassiker wie What Is This Thing Called Love, All Blues oder Round Midnight und weiß einen dabei durchaus mitzureißen. Lediglich „Light My Fire“ – eine zu lang geratene Doors-Coverversion – nervt und langweilt.

Mit dem Track East Of The Sun (And West Of The Moon) – leider nur mit einem Standbild, das allerdings rechts Friedrich Gulda und links den Produzenten H.G. Brunner-Schwer zeigt – verabschiedet sich der Audionist nun in den Restsonntag!

1 Kommentar zu Das perlt!

  • Segschneider

    Lie­ber Michael:
    Glenn Gould. Und als Bach-Inter­pret. Und die Frage, ob Gould nicht doch einige Inter­pre­ta­tio­nen ins Ner­vige (Fal­sche?) getrie­ben hat. Hat er wohl nicht. Aber – und jetzt gehen die Schwie­rig­kei­ten los: die Sub­ti­li­tä­ten, im Rhyth­mi­schen, in der Into­na­tion und in Goulds ganz indi­vi­du­el­lem Bach-Ver­ständ­nis, die brau­chen einen erst­klas­si­gen Ton­in­ge­nieur, eine tadel­lose LP, und ein Abspiel­ge­rät der Aus­nah­me­klasse. Und wer hat das schon? Einen klei­nen Tipp kann ich geben. Min­des­tens eine Ein­spie­lung von Gould ist auf Hun­ga­ro­ton erschie­nen, und diese LP ist weit über Durch­schnitt; es ist eine Über­nahme von CBS. Da macht Gould dann auch wie­der Spass!

    Liebe Grüsse – Seg­schnei­der